Grußwort zur 9. November-Gedenkveranstaltung

Heute, am 9. November, fand eine von Schüler*innen des Gottfried-Keller-Gymnasiums, des Walther-Rathenau-Gymnasiums und der Landespolizeischule Berlin ausgerichtete Gedenkveranstaltung zum Jahrestag der Novemberpogrome statt. Es gab einen Schweigemarsch zum Mahnmal Gleis 17 in  Grunewald. Im anschließenden Programm mit Musik und Politik durfte ich ein Grußwort halten.
Dieses möchte ich hier protokollieren.

 

 

Liebe Schülerinnen und Schüler der Walther-Rathenau-Schule,
der Gottfried-Keller-Schule
und der Polizeischule Berlins,
liebe Anwesende,
vielen Dank für Ihr und Euer Erscheinen.

 

Wir sind heute hier, um zu gedenken. Dieses Gedenken an die Novemberpogrome wurde von Schülerinnen und Schülern der 3 anwesenden Schulen organisiert. In meiner Zeit als Schülerin am Gottfried-Keller-Gymnasium habe ich das auch getan. Denn Gedenken und Erinnern an Vergangenes ist ein wichtiger Wegweiser für das Handeln im Jetzt und im Kampf gegen Antisemitismus. Den Schülerinnen und Schülern, die sich an der Organisation beteiligt haben, möchte ich sehr herzlich danken.

Wir haben uns hier am Bahnhof Grunewald versammelt. Die Gleise dieses Ortes erzählen eine Geschichte. An diesen Gleisen, wurden Menschen zusammengepfercht und in Konzentrationslager wie Auschwitz-Birkenau und Theresienstadt deportiert.  Dort wurden sie letztendlich grausam ermordet. Der erste Deportationszug aus Berlin rollte am 18. Oktober 1941 von den Gleisen dieses Bahnhofs. 1.013 Menschen befanden sich in dem Zug Richtung Osten. Später wurden auch der Güterbahnhof Moabit und der Anhalter Bahnhof für Deportationen genutzt. Unter den Blicken, unter dem Hass und der Häme der Anwohner. Solch ganz normale Anwohner, einfache Bürgerinnen und Bürger Berlins, waren es auch, die in der Nacht des 9. November 1938 in antisemitischen Gewaltexzessen aufblühten. Jüdische Geschäfte wurden zerstört und geplündert. Synagogen brannten. Kinder, Frauen und Männer wurden misshandelt, gejagt, ermordet. Der theoretische Unterbau war bereits gelegt, doch in jener Nacht wurde die kalte Mordpraxis der Deutschen blutige Realität. Diese Realität gipfelte in der Shoah, der größten industriellen Massenvernichtung der Menschheitsgeschichte.

 

Die geistigen Nachfahren der damaligen Täter wählen heute Holocaustleugner in Parlamente, zünden Unterkünfte Geflüchteter an und schänden Orte der Erinnerung. Denn Mahnmäler  – wie diese Gleise – stehen als stille Zeugen des Unrechts. Sie laden dazu ein, sich mit ihnen zu beschäftigen, Vergangenes nachzufühlen. Insbesondere mit den Schrecken der Shoah, die sich dennoch nie in Gänze verstehen lassen können. Zu grausam ist dieses Kapitel der deutschen Geschichte, das auf erschreckende Weise zeigt, wozu Menschen fähig sein können. Und dennoch müssen wir versuchen, zu verstehen.  Inschriften und Abbildungen, Statuen und Zeitzeugnisse können uns dabei helfen, zu erinnern, was wir selbst doch nie durchlebten.

 

Die Toten mahnen uns, die Lebenden nicht zu vergessen. Im Andenken an die Verstorbenen wissen wir, dass die Maxime lauten muss, dass alle Menschen, gleich ihrer körperlichen Verfasstheit, ihrer Religion, ihrer Weltanschauung, ihrer Nationalität, Sexualität oder Hautfarbe ein Recht auf Leben in Frieden und Freiheit haben. Das ist auch die Maxime, die wir uns für unsere alltägliche politische Arbeit gesetzt haben. Es mag nicht immer leicht sein, sich in die Perspektive anderer hineinzuversetzen. Es mag schwer bis unmöglich sein, zu verstehen, welche Diskriminierungserfahrungen eine andere Person durchleben mag. Aber nur, wer aufeinander zugeht, sich hineinversetzt, der kann voneinander lernen und in Frieden und Freiheit miteinander leben. Gedenken wir also gemeinsam der Vergangenheit. Und gestalten wir eine Zukunft, die lebenswert für alle ist. In Solidarität und Frieden.

 

Herzlichen Dank.