Gedenkspaziergang im Gesundbrunnen am 6. November

Vor 81 Jahren, am Abend des 9. November 1938, gipfelte der staatliche Antisemitismus in einem Pogrom gegen Jüdinnen und Juden. Die nationalsozialistische Führung organisierte die gewaltsamen Ausschreitungen, die die Diskriminierung und Verfolgung jüdischer Bürger*innen seit der “Machtergreifung” Hitlers 1933 systematisch vorantrieb. Die Sturmabteilung (SA) der Nationalsozialisten und Mitglieder anderer NS-Organisationen zerstörten an diesem Abend Synagogen, Wohnungen und Geschäfte von Jüdinnen und Juden. Dabei töteten sie über 1000 Menschen, die bereits in der Nacht oder unmittelbar danach an den Folgen der brutalen Gewalt verstarben. In den darauffolgenden Tagen wurden über 30.000 jüdische Menschen verhaftet und in Konzentrationslager verschleppt. Diese Ausschreitungen werden heute Reichspogromnacht genannt.

Am 6. November 2019, also wenige Tage vor dem Jahrestag der Reichspogromnacht, trafen wir uns an einem grauen Novembertag im Gesundbrunnen um derer zu gedenken, die hier einst lebten und die durch die Nationalsozialisten entrechtet, vertrieben und ermordet wurden. Viele Menschen folgten unserer Einladung zu unserem Gedenk-Spaziergang.

Unser Weg führte uns unterhalb der drohenden Silhouette der Flaktürme im Humboldthain hin zum Amtsgericht Wedding, wo, wie ein stummer Zeuge der Zeit immnernoch ein Reichsadler die Fassade ziert. Wir sprachen über Zwangsarbeit in Berlin, das Gefängnis Plötzensee und die Willkür des NS-Justizsystems. Wir fanden heraus, wie schwer es für die Zwangsarbeiter*innen war, sich nach dem Krieg Gehör zu verschaffen und wie sie in Deutschland, auch noch Jahre nach ihrem Leiden, in der Erinnerungskultur und bei den Entschädigung benachteiligt wurden und werden.

Wir liefen durch die Badstraße, vorbei an den Wohnorten der Familien Leschnik, Barkowsky und Horwitz. Wir gingen an den Stolpersteinen für die Familien Ehrmann und Hopp vorbei und bogen in die Bellermannstraße ein, wo wir Martha Rosen und ihrem Sohn gedachten. In der Eulerstraße befanden sich die Wohnorte der Familien Manasse, Poppelauer und Preuss. Nach der Überquerung der Osloer Straße standen wir vor der Baulücke in der Soldiner Straße 8. Hier lebte einst der kommunistische Widerstandskämpfer Egmont Schulz, Angehöriger der Saefkow-Jacob-Bästlein-Organisation, einer Berliner Widerstandsgruppe. In der Stockholmer Straße, kurz vor meinem Kiezbüro in der Soldiner Straße 42, befinden sich die Stolpersteine für Sonja Fleischmann und ihren Vater Martin Fleischmann. Sonja war erst 9 Jahre alt, als sie 1935 von einem Mitglied der örtlichen Hitlerjugend vor ihrem Wohnhaus brutal misshandelt wurde und verstarb.

Mit Messingreiniger und weichen Schwämmen ausgerüstet säuberten wir auf unserem Weg die Stolpersteine derer denen wir gedachten. Die Stolpersteine begleiteten unseren Weg und ließen uns bewusst werden, dass nur wenige Generationen zwischen uns und dem Terror des Faschismus liegen.

Auf unserem Weg durch den Kiez zum Kiezbüro in der Soldiner Straße gedachten wir auch den zehntausenden Zwangsarbeiter*innen die in Berlin den Krieg erlebten. Wir gedachten den Familien, die mit ihren Kindern nach Riga deportiert wurden, nach Theresienstadt, Auschwitz und Sobibor. Den jungen und den alten Menschen. Wir gedachten den ermordeten und vertriebenen Jüdinnen und Juden, den politisch Andersdenkenden und den vielen anderen, die durch faschistische Ideologie und das Handeln ihrer Mitmenschen den Tod fanden. Auch nach über 80 Jahren soll uns die Vernichtung ihres Lebens im Gedächtnis bleiben und uns in unserem Kampf gegen den Faschismus bestärken. Immer mehr Zeitzeugen können nicht mehr berichten, nie war es wichtiger die Opfer der NS-Regimes zu nennen und ihr Andenken zu bewahren.

Gegen das Vergessen, nie wieder Faschismus!

Weitere Informationen über Menschen, die in eurem Kiez gewohnt haben und von dort vertrieben worden sind, findet ihr auf der sehr informativen Internetseite: stolpersteine-berlin.de.