Veranstaltungsbericht: Grün gegen Rechts in Neukölln

Am 7. Juni fand die nächste Veranstaltung in unserer Reihe „Grün gegen Rechts“ statt, diesmal in Neukölln. Das Webinar wurde in Kooperation mit dem Neukölln Kreisverband von Bündnis 90/Die Grünen im Rahmen des Festival Offenes Neukölln veranstaltet, das jedes Jahr in Neukölln spannenden Input für eine offene Gesellschaft liefert und in diesem Jahr online stattfand.  

Als Gäste waren Sung Un Gang von der Initiative Asian Voices for Europe, ein Vertreter vom Register Neukölln sowie Philine Niethammer von der Grünen Jugend Neukölln dabei. 

Zu Beginn der Veranstaltung wurden durch das Register Neukölln die aktuellen Zahlen zu rechtsextremen und diskriminierenden Vorfällen im Bezirk präsentiert. Hier wurden die meisten Vorfälle im Norden des Bezirkes gemeldet, wobei es oft um körperliche Übergriffe ging. Demgegenüber lässt sich in Südneukölln ein Schwerpunkt der (gemeldeten) Vorfälle auf Propaganda erkennen. Die Chronik der gemeldeten Fälle lässt sich hier einsehen.

Im Anschluss an die aktuellen Zahlen stellte Sung Un Gang die Initiative Asian Voices Europe vor, bei der er Mitglied ist. Diese wurde im März diesen Jahres in den Niederlanden gegründet als Reaktion auf den zunehmenden anti-asiatischen Rassismus im Zusammenhang mit der Pandemie. Als Ziel möchte die Organisation den Dialog zwischen Betroffenen und Nicht-Betroffenen stärken. Die Initiative hat zunächst eine Online-Umfrage gestartet, bei der eine Vielzahl rassistischer Übergriffe im Zusammenhang mit Corona dokumentiert wurde. Politische Forderungen der Initiative sind die Einrichtung einer Hotline für rassistische Belästigung und Hassverbrechen gegen Asiat*innen, Weiterbildungsprogramme für Polizei und Staatsanwaltschaft sowie Awareness-Kampagnen über den öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Dazu hat Asian Voices Europe auch eine Petition eröffnet, die hier unterstützt werden kann.

Sung Un Gang produziert außerdem den Podcast „Bin ich süßsauer?“. Mehr Initiativen und Informationen zum Thema antiasiatischer Rassismus bieten u.a. Korientation e.V., die Initiative #ichbinkeinvirus, Dignity for Asians und der Podcast Rice and Shine. 

Philine Niethammer berichtete von der politischen Arbeit der Grünen Jugend Neukölln. Ein Thema, mit dem sich die Gruppe in letzter Zeit besonders intensiv beschäftigt hat, sind die Razzien in Shisha-Bars, die in Neukölln immer wieder stattfinden. In Neukölln sind auch Rechtsextremismus und Übergriffe durch Nazis ein großes Problem. Gleichzeitig darf trotz dieses Problemschwerpunktes nicht vergessen werden, dass Rassismus strukturell in der gesamten Gesellschaft verankert ist und antirassistische Arbeit immer auch dort ansetzen muss. 

Aktuell ist auch im Hinblick auf Rassismus ein großes Problem, dass die Pandemie viele bereits bestehende Probleme noch einmal verschärft. Sozialberatungen können nicht stattfinden, im Bereich Alltagsrassismus verstärken sich Phänomene wie Racial Profiling bei Kontrollen der Eindämmungsmaßnahmen. Daran anknüpfend berichtete Sung Un Gang davon, dass gerade auch zu Anfang der Pandemie in den Medien häufig Bilder von asiatischen Menschen gezeigt wurden. Dies habe maßgeblich dazu beigetragen, dass die Krise mit asiatischen Menschen in Verbindung gebracht werde und insofern den erstarkten Rassismus befeuert. Betroffenen wird dabei oft kein Glaube geschenkt, wenn sie von rassistischen Situationen berichten – das ändert sich im Moment zumindest ein bisschen durch verstärkte öffentliche Aufmerksamkeit. Gleichzeitig werde das Thema oft als Einzelschicksal abgetan und viele Medien lehnen deswegen eine längerfristige und nachhaltige Berichterstattung ab. Es braucht insofern ein breiteres gesellschaftliches Verständnis dafür, dass diese Probleme strukturell bestehen. Daneben muss die Vernetzung der Selbstorganisationen und Initiativen in diesem Bereich verbessert und vor allem auch gefördert werden. 

Derzeit stehen vor allem die „Black Lives Matter“-Demonstrationen und die Erfahrungen schwarzer Menschen im öffentlichen Fokus. Wir brauchen Solidarität und wir brauchen intersektionale Antworten. Ob anti-asiatischer Rassismus, Polizeigewalt gegen schwarze Menschen oder Hetze gegen Geflüchtete: No justice – no peace. 

Wir bedanken uns herzlich bei den tollen Referent*innen des Podiums für den spannenden Input und beim Team des Festival Offenes Neukölln, das uns mit Rat und Tat zur Seite stand.